Florarium– Blüten der Simulation

Dr. Andreas F. Beitin, Leiter des ZMK Karlsruhe

Auszug aus der Rede anlässlich der Eröffnung der Ausstellung Florarium im Kunstverein Viernheim, 25. Juli 2008

 

[…] es ist die Natur, genauer gesagt der Garten – also ein von Menschen meist domestizierter und abgegrenzter Bereich Natur. Kirchen und Klöster waren die ersten, die schon im Mittelalter abgegrenzte Gärten, sogenannte horti conclusi anlegten: von der menschlichen Außenwelt abgeschlossene und nur dem Klosterpersonal vorbehaltene Grünanlagen. Nachdem auch der Adel den Sinn und das Vergnügen solcher Gärten für sich entdeckt hatte, dauerte es nicht mehr lange, bis sich auch dem Bürgertum zugängliche Landschaftsparks aus den geheimen Grünbereichen entwickelten. Der Blumentopf – um die historische Entwicklung von Gartenanlagen an dieser Stelle drastisch zu verkürzen – ist letztlich nichts anderes, als das Rudiment des menschlichen Urbedürfnisses nach einem bisschen lebendigen Grün, einem eigenen kleinen Stückchen Natur – reduziert auf die oft nur begrenzten Möglichkeiten, die heutige urbane Wohn- und Lebensverhältnisse in den meisten Fällen zulassen. Der besondere Vorteil eines solchen botanischen Mikrokosmos liegt nicht zuletzt in seiner Mobilität, in der Möglichkeit, das Ministück Natur an alle möglichen Orte zu stellen, drinnen, draußen, in die Sonne oder in den Schatten – je nach den klimatischen Bedürfnissen der jeweiligen Pflanzen oder den Vorlieben des Besitzers.

Sie alle haben bei einer Autobahnfahrt bestimmt schon einmal den Slogan gelesen, der auf manchen LKW-Planen steht: „Ohne mich wäre die Autobahn schön leer – aber auch Ihr Kühlschrank“. Dieser Spruch verdeutlich eines von vielen aktuellen gesellschaftlichen Problemen: einerseits dem Wunsch nach omnipräsenter Warenverfügbarkeit nachzukommen, andererseits ökologische und verkehrstechnische Gaus zu provozieren. Annette Voigt macht in ihrer Arbeit Mobil III, die Sie hier im EG sehen können, auf humorvolle wie hintersinnige Art die Mobilität von Blumentöpfen zum Thema. Auf ironische Weise übertreibt sie den Aspekt der Beweglichkeit der Naturfragmente: Durch die unterschiedlich großen Blumentöpfe und -kübel schiebt sie die Achsen von ebenso verschieden großen Rädern und Reifen, bis hin zu denen von LKWs. Der ortsunabhängige Aufstellungsplatz wird so zum eigentlichen Anliegen ihrer Arbeit. Die Kübel sind randvoll mit Erde gefüllt und haben mit den Pflanzen ein Stück Natur aufgenommen. Zwei unterschiedliche Interessenssphären, die eigentlich geradezu gegensätzlich sind, werden aufgrund eines gemeinsamen Aspektes von der Künstlerin miteinander verbunden. Neben dieser neofunktionalistischen Betrachtungsweise ist aber auch die Verknüpfung von unterschiedlich historischen Ebenen hierin wieder zu finden, denn die Blumentöpfe als traditionelles Behältnis der Gärtners und Naturliebhabers werden mit den Reifen des heutzutage wichtigsten Transportmittels auf unseren Strassen verbunden.

Handwerk hat goldenen Boden“, sagt ein Sprichwort. Für den Gartenbau gilt dies sicher nicht. Insofern wäre es geradezu ein Lottogewinn, so einen großen goldenen Blumentopf zu haben, wie ihn Annette Voigt hier ausstellt. Doch der Schein trügt: Unter der 22 Karat vergoldeten Oberfläche verbirgt sich nur ein normaler Topf aus Plastik.

Eine Verbindung ganz anderer Art stellen die Blumentöpfe der Installation Gartenstück dar, aus den eigenartige Pflanzen wachsen: die unterschiedlich hohen hölzernen Stiele von kleinen Gartenschaufeln. Schnell wird jedoch der skurrile Charakter diese besonderen Geräte deutlich, denn die Handgriffe sind als Knochen geformt: einzeln aus Holz angefertigte Simulationen menschlicher Knochen, die wie die Strünke verwelkter Pflanzen aus den Töpfen ragen. Die Doppelbödigkeit der Idee wird schnell deutlich, denn so wie die Knochen von Skeletten die Überreste der ‚Pflanze Mensch’ sind, ragen sie im Material toter Pflanzen wiederum wie abgestorbene Flora aus den Kübeln hervor. Aber auch eine kulturhistorische Dimension ist in der Arbeit impliziert, waren doch die ersten Geräte der vorzeitlichen Menschen aus Knochen angefertigt. So gelingt es Annette Voigt auf vielfältige, beziehungsreiche und zudem spielerische Art und Weise, unterschiedliche Materialien mit differierenden Konnotationsebenen zu kombinieren. […]

Das Motiv der Reihung oder Wiederholung finden wir auch bei einer Arbeit von Annette Voigt, die ebenfalls im Erdgeschoss zu sehen ist: Der Lattenzaun entstammt im Ursprung auch dem Inventarium eines Gartens, wobei sein Titel Erlangen an eine Musterbezeichnung aus dem Baumarkt erinnert, wo die meisten solcher Abtrennungen auch erworben werden. Zäune sind Grenzen, trennen Natur und Kultur, das Unordentliche vom Ordentlichen, den Wildwuchs vom geregelten, auf Nutzen getrimmten Wachstum. Als politische Zäune trennen sie Nationen, zu den fürchterlichsten zählen dabei elektrische Zäune. Im häuslichen Bereich können sie schlimmstenfalls spießig sein. Aber Zäune taugen auch zum Humoristischen – man denke an den von Stefan Raab besungenen Maschendrahtzaun. Irgendwo dazwischen ist der Zaun Erlangenangesiedelt. Er beinhaltet in gewisser Weise einen dadaistischen Aspekt, denn der Zaun schützt nichts, er grenzt keinen Bereich ab, Außen und Innen, Davor und Dahinter sind von unterschiedsloser Qualität. Er steht quasi als Fundstück im Raum. Noch skurriler als seine formale Funktionslosigkeit sind die elektrischen Stecker, die wie Blumen aus dem Zaun, genauer gesagt aus den einzelnen Latten herauswachsen. Sie könnten Strom empfangen, doch hier endet im wahrsten Sinne des Wortes der Energiefluss im Ansatz, denn wie jeder weiß, leitet Holz keine elektrische Energie. Als einfallsreiche Simulation steht der Zaun wie ein pazifistisches, grotesk-humoristisches Gebilde im Raum – Schwerter zu Pflugscharen, Strom zu Blumen. Er kommuniziert mit uns, ist in seinen Einzelteilen begreifbar und stellt doch in seiner Gesamtheit mehr dar als die Summe seiner Teile. Denn auch hier werden unterschiedliche kulturhistorische Dimensionen kombiniert, da das jahrundertelang als Konstruktions- und Heizmaterial dienende Holz mit der Ebene der Elektrizität verbunden wird, ohne die heutzutage in unseren virtuellen Welten ebenso nichts mehr konstruiert werden kann. „Die Idee der Postmoderne ist die ästhetische Aufheiterung über der Landschaft der westlichen Welt“, stellt Norbert Bolz zu Ästhetik des Posthistoire fest.1In diesem Sinn stehen die Arbeiten von Annette Voigt ganz in der Tradition der Zweiten Moderne. Ihre charakteristischen Techniken sind die Montage, die Collage und das Zitat, allesamt Techniken, die die Künstlerin sicher und assoziationsreich in ihren Werken zum Einsatz bringt und versehen mit einer humorvollen Geste zu eben dieser Aufheiterung beiträgt. […]

 

Dr. Andreas F. Beitin, Leiter des ZKM Karlsruhe

Auszug aus der Rede anlässlich der Eröffnung der Ausstellung FLORARIUM im Kunstverein Viernheim, 25. Juli 2008

 

1 Norbert Bolz, Chaos und Simulation, München 1992, 106.